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Stillleben-Kunst: Was Blumen, Früchte und Totenköpfe erzählen

Stillleben-Kunst zeigt auf den ersten Blick nur Dinge, ein paar Zitronen, ein Glas Wein, einen Hering auf dem Zinnteller. Wer länger hinsieht, liest in diesen Bildern Geschichten über Reichtum, Welthandel, Tod und Glauben. Und man merkt schnell, dass die Holländer des 17. Jahrhunderts mit ihren gemalten Zitronen ziemlich genau das taten, was wir heute mit Fotos vom Frühstückstisch tun.

Was ist ein Stillleben in der Kunst?

Ein Stillleben ist ein Bild, das unbewegte Gegenstände zeigt, etwa Blumen, Früchte, Speisen, Geschirr, Bücher, Musikinstrumente oder tote Tiere, die der Künstler bewusst zu einer Komposition arrangiert hat. Menschen kommen darin nicht vor, höchstens als winzige Spiegelung in einem Glas oder einer Kanne.

Das Wort kommt aus dem Niederländischen. „Stilleven“ bedeutete ursprünglich so viel wie unbewegtes Modell und setzte sich um die Mitte des 17. Jahrhunderts als Begriff durch. Im Französischen heißt die Gattung „nature morte“, wörtlich tote Natur, ein deutlich düstererer Name, der im 18. Jahrhundert aufkam.

Gemalte Gegenstände gab es natürlich schon lange vorher. In ägyptischen Grabkammern sind Speisen und Opfergaben abgebildet, auf römischen Wandmalereien in Pompeji Schalen mit Obst, Glasgefäße und Wild. Im Mittelalter und in der Renaissance tauchten Dinge meist als Beiwerk in religiösen Bildern auf, eine Lilie neben Maria, ein Buch neben einem Heiligen. Als eigenständige Gattung, bei der die Gegenstände selbst das Thema sind, setzte sich das Stillleben erst um 1600 durch. Der Früchtekorb, den Caravaggio um 1599 malte und der heute in Mailand hängt, gilt als eines der frühesten Beispiele.

Die Blütezeit in den Niederlanden

Ihre große Zeit erlebte die Stillleben-Kunst im 17. Jahrhundert in den nördlichen Niederlanden, und der Grund dafür war vor allem Geld. Die junge Republik war damals die führende Handelsmacht Europas. Die 1602 gegründete Niederländische Ostindien-Kompanie brachte Gewürze, Seide und Porzellan aus Asien nach Amsterdam, Schiffe aus dem Mittelmeer lieferten Zitronen und Wein.

Mit dem Handel entstand ein wohlhabendes Bürgertum, das seine Häuser mit Bildern schmücken wollte. Anders als im katholischen Süden gab es kaum Aufträge der Kirche, und Adelsporträts waren in der Republik weniger gefragt. Gekauft wurde auf dem freien Markt, und dort verkauften sich Stillleben gut, weil sie zeigten, was die Käufer selbst besaßen oder gern besessen hätten.

Im Grunde sind diese Bilder frühe Konsumbilder. Eine geschälte Zitrone, deren Schale sich spiralförmig über die Tischkante kringelt, war im Amsterdam des 17. Jahrhunderts ein Luxusgut aus dem Süden. Das blau-weiße Porzellan auf den Prunkstillleben kam aus China, der Pfeffer in der Papiertüte aus Indien, der Teppich auf dem Tisch oft aus der Türkei. Wer so ein Bild an der Wand hatte, zeigte, dass sein Haushalt an den Welthandel angeschlossen war.

Gleichzeitig spezialisierten sich die Maler so stark, dass manche ihr Leben lang fast nur Blumen malten und andere nur gedeckte Tische, Fische oder Jagdbeute. In Haarlem entstanden die sogenannten monochromen Bankette von Pieter Claesz und Willem Claesz Heda, in fast einfarbigen Grau- und Brauntönen gemalte Tische mit Zinn, Glas und Brot. In Amsterdam malte Willem Kalf dagegen prunkvolle Arrangements mit Nautilus-Pokalen, Silber und chinesischem Porzellan, die eher Schatzkammern als Mahlzeiten zeigen.

Symbole und Vanitas: was die Dinge bedeuten

Viele Stillleben tragen eine zweite Bedeutung, die die Zeitgenossen ohne Erklärung verstanden. Hinter den Dingen standen Ideen, meist moralische oder religiöse.

Besonders deutlich ist das beim Vanitas-Stillleben, benannt nach dem Bibelwort „Vanitas vanitatum“, Eitelkeit der Eitelkeiten. Diese Bilder erinnern daran, dass alles Irdische vergänglich ist. Auf ihnen liegen Totenschädel, Sanduhren, heruntergebrannte Kerzen, Seifenblasen und welkende Blumen. Daneben liegen oft Bücher, Münzen oder Musikinstrumente, also Dinge, die für Wissen, Reichtum und Genuss stehen und die man am Ende doch nicht mitnehmen kann.

Selbst harmlos wirkende Stillleben tragen diese Botschaft oft versteckt in sich. Eine Blume mit einer Raupe, ein angebissener Apfel oder eine Fliege auf der Frucht deuten auf Verfall hin. Brot und Wein können auf das Abendmahl verweisen, Weintrauben auf Christus. Eine angeschnittene Pastete oder ein umgestürztes Glas erzählen von einem Mahl, das gerade unterbrochen wurde, als wäre jemand plötzlich aufgestanden.

Reizvoll sind viele dieser Bilder gerade wegen eines Widerspruchs. Sie warnen vor Eitelkeit und Luxus, zeigen diesen Luxus aber mit größter Hingabe und meisterhafter Technik. Die Käufer durften sich an der Pracht freuen und sich gleichzeitig fromm fühlen, ein ziemlich bequemes Arrangement.

Wichtige Künstlerinnen und Künstler

Das Stillleben ist eine der wenigen Gattungen der älteren Kunstgeschichte, in denen Frauen früh Erfolg hatten, und der Grund dafür ist ziemlich bitter. Malerinnen durften meist keine nackten Modelle studieren, was für Historienbilder Voraussetzung war, Blumen und Früchte aber konnten sie ungestört zu Hause malen.

Clara Peeters arbeitete Anfang des 17. Jahrhunderts in Antwerpen und gehört zu den frühesten Spezialistinnen der Gattung. Auf mehreren ihrer Bilder spiegelt sich ihr eigenes Gesicht winzig klein in einem Pokal, eine Art verstecktes Selbstporträt. 2016 widmete ihr der Prado in Madrid als erster Künstlerin überhaupt eine Einzelausstellung. Rachel Ruysch aus Amsterdam malte Blumenstücke von großer Präzision und wurde zu Lebzeiten besser bezahlt als viele ihrer männlichen Kollegen. Sie war Hofmalerin des Kurfürsten Johann Wilhelm in Düsseldorf. Die Alte Pinakothek in München zeigte 2024 eine große Ausstellung über sie.

Unter den Männern sind neben Pieter Claesz, Willem Claesz Heda und Willem Kalf vor allem Jan Davidsz. de Heem heraus, der üppige Früchte- und Blumenstillleben malte, und der Spanier Juan Sánchez Cotán. Seine Bodegones zeigen wenige Gegenstände wie eine Quitte, einen Kohlkopf oder eine Melone vor schwarzem Grund, so streng, dass sie fast modern wirken. Später führte Francisco de Zurbarán diese Tradition fort.

Vom Barock bis zur Pop-Art

Nach dem 17. Jahrhundert verlor das Stillleben an Ansehen, verschwunden ist es nie, und gerade Neuerer haben es immer wieder als Experimentierfeld genutzt. In der Rangordnung der Kunstakademien stand es lange ganz unten, weit hinter Historienbild und Porträt.

Im 18. Jahrhundert gab der Franzose Jean Siméon Chardin der Gattung neue Würde. Seine Kupferkessel, Eier und Brotlaibe strahlen eine Ruhe aus, die schon seine Zeitgenossen begeisterte. Im 19. Jahrhundert griffen Impressionisten wie Édouard Manet und Claude Monet das Stillleben auf, Vincent van Gogh malte seine berühmten Sonnenblumen.

Für die Moderne wurde Paul Cézanne zur Schlüsselfigur. Seine Äpfel und Obstschalen sind keine Abbilder mehr, sondern Untersuchungen von Form, Farbe und Raum. Die Tischplatten kippen, die Perspektive stimmt nicht, und das ist volle Absicht. Die Kubisten Pablo Picasso und Georges Braque bauten darauf auf und zerlegten Gitarren, Flaschen und Zeitungen in Flächen. Der Italiener Giorgio Morandi malte jahrzehntelang fast nur Flaschen und Dosen in gedämpften Farben.

Andy Warhol schloss 1962 auf eigene Weise den Kreis zu den niederländischen Konsumbildern. Seine 32 Leinwände mit Campbell's-Suppendosen zeigen ein Massenprodukt aus dem Supermarkt, so wie die Holländer einst Zitronen und Porzellan zeigten. Nur ging es jetzt nicht mehr um Luxus, sondern um das, was jeder kaufen konnte.

Stillleben heute: von der Fotografie bis zum Frühstücksbild

Das Stillleben lebt heute vor allem in der Fotografie weiter, und zwar in der Kunst genauso wie in der Werbung und auf dem eigenen Handy. Wer einen gedeckten Tisch von oben fotografiert, Zitronen neben eine Vase legt und auf das Licht vom Fenster achtet, arbeitet mit denselben Mitteln wie die Maler in Haarlem vor vierhundert Jahren.

In der Kunstfotografie wurde das früh bewusst aufgegriffen. Der Amerikaner Irving Penn, berühmt für seine Modefotos für die Vogue, fotografierte 1972 eine Serie von Zigarettenkippen, die er aus dem Rinnstein aufgelesen hatte, so sorgfältig ausgeleuchtet wie ein Prunkstillleben. Das war eine Vanitas für das 20. Jahrhundert. Der israelische Künstler Ori Gersht ließ für seine Serie „Blow Up“ ab 2007 tiefgefrorene Blumensträuße nach Vorbildern aus dem 19. Jahrhundert explodieren und hielt den Moment mit Hochgeschwindigkeitskameras fest.

Auch die Werbung bedient sich offen bei der alten Gattung. Foodfotografie für Kochbücher und Restaurants arbeitet oft mit dunklem Hintergrund, seitlichem Licht und einem angeschnittenen Brot oder einem halb leeren Glas, also genau mit den Mitteln, die die Niederländer perfektioniert haben. Manche Fotografen zitieren ganz bewusst bekannte Gemälde und bauen sie mit echten Lebensmitteln nach.

Und dann sind da die Frühstücksbilder in den sozialen Netzwerken. Der Vergleich ist keine bloße Spielerei. Ein sorgfältig arrangiertes Foto mit Avocado, Hafermilch und Keramiktasse erfüllt eine ganz ähnliche Aufgabe wie ein Bankettstillleben im Amsterdamer Bürgerhaus. Es zeigt, wie man lebt und was man sich leisten kann, und es ist dabei sehr viel weniger zufällig, als es aussehen soll.

Stillleben heute: von der Fotografie bis zum Frühstücksbild

Das Stillleben lebt heute vor allem in der Fotografie weiter, in der Kunst genauso wie in der Werbung und auf dem eigenen Handy. Wer einen gedeckten Tisch von oben fotografiert, Zitronen neben eine Vase legt und auf das Licht vom Fenster achtet, arbeitet mit denselben Mitteln wie die Maler in Haarlem vor vierhundert Jahren.

In der Kunstfotografie wurde das früh bewusst aufgegriffen. Der Amerikaner Irving Penn, berühmt für seine Modefotos für die Vogue, fotografierte Anfang der 1970er-Jahre Zigarettenkippen, die er von der Straße aufgelesen hatte, so sorgfältig ausgeleuchtet wie ein Prunkstillleben. Eine Vanitas für das 20. Jahrhundert. Der israelische Künstler Ori Gersht ließ für seine Serie „Blow Up“ ab 2007 tiefgefrorene Blumensträuße nach Vorbildern aus dem 19. Jahrhundert explodieren und hielt den Moment mit Hochgeschwindigkeitskameras fest.

Auch die Werbung bedient sich offen bei der alten Gattung. Foodfotografie für Kochbücher und Restaurants arbeitet oft mit dunklem Hintergrund, seitlichem Licht und einem angeschnittenen Brot oder einem halb leeren Glas, also genau mit den Mitteln, die die Niederländer perfektioniert haben. Manche Fotografen zitieren ganz bewusst bekannte Gemälde und bauen sie mit echten Lebensmitteln nach.

Und dann sind da die Frühstücksbilder in den sozialen Netzwerken. Der Vergleich ist mehr als eine Spielerei, denn ein sorgfältig arrangiertes Foto mit Avocado, Hafermilch und Keramiktasse erfüllt eine ganz ähnliche Aufgabe wie ein Bankettstillleben im Amsterdamer Bürgerhaus. Es zeigt, wie man lebt und was man sich leisten kann, und es ist dabei sehr viel weniger zufällig, als es aussehen soll.

So liest man ein Stillleben im Museum

Ein Stillleben erschließt sich am besten, wenn man sich Zeit nimmt und die Gegenstände einzeln betrachtet, so als würde man einen fremden Tisch inspizieren, und dabei helfen ein paar Fragen.

  • Was liegt auf dem Tisch? Alltägliche Dinge wie Brot und Hering oder Luxusgüter wie Zitronen, Porzellan und Silber? Das verrät, für wen das Bild gemalt wurde.
  • Gibt es Zeichen der Vergänglichkeit? Ein Schädel, eine Kerze, eine Uhr, welkende Blätter oder Insekten deuten auf ein Vanitas-Motiv hin.
  • Ist die Szene ordentlich oder gestört? Umgefallene Gläser, angeschnittene Speisen und zerknüllte Tischtücher erzählen von einem Moment, der gerade vorbei ist.
  • Wie ist das Licht? Die Maler zeigten ihr Können an Spiegelungen in Glas und Metall. Oft entdeckt man dort ein Fenster oder sogar den Maler selbst.
  • Passt alles zusammen? Blumen, die zu verschiedenen Jahreszeiten blühen, in einem Strauß zu vereinen, war üblich. Solche Bilder sind keine Momentaufnahmen, sondern Ideallandschaften aus Pflanzen.

Große Sammlungen niederländischer Stillleben gibt es in Deutschland unter anderem in der Alten Pinakothek in München, in der Gemäldegalerie in Berlin, im Wallraf-Richartz-Museum in Köln und in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Für den Anfang genügen ein einziger Saal und eine halbe Stunde, mehr braucht es wirklich nicht.

Häufige Fragen zur Stillleben-Kunst

Was ist ein Stillleben in der Kunst? Ein Stillleben ist ein Bild, das unbewegte Gegenstände wie Blumen, Früchte, Speisen, Geschirr oder tote Tiere in einer bewusst arrangierten Komposition zeigt. Als eigenständige Gattung setzte es sich um 1600 durch und erlebte im 17. Jahrhundert in den Niederlanden seine Blütezeit.

Welche Künstler haben Stillleben gemalt? Bekannte Stilllebenmaler sind Pieter Claesz, Willem Claesz Heda, Willem Kalf und Jan Davidsz. de Heem aus den Niederlanden, die Malerinnen Clara Peeters und Rachel Ruysch, der Spanier Juan Sánchez Cotán sowie später Jean Siméon Chardin, Paul Cézanne, Giorgio Morandi und Andy Warhol.

Welche Motive sind typisch für Stillleben? Typische Motive sind Blumen, Obst, Gemüse, Brot, Fisch, erlegtes Wild, Gläser, Porzellan und Silbergeschirr. In Vanitas-Stillleben kommen Totenschädel, Sanduhren, erloschene Kerzen, Seifenblasen und welkende Blumen hinzu, die an die Vergänglichkeit erinnern.

Was ist ein modernes Stillleben? Ein modernes Stillleben nutzt die alte Gattung, um mit Form, Farbe und Raum zu experimentieren oder um die Gegenwart zu kommentieren. Beispiele sind die Äpfel von Paul Cézanne, die kubistischen Gitarren von Picasso und Braque, die Flaschen von Giorgio Morandi und Andy Warhols Suppendosen.